Extras

Carex: Das kann doch nicht wahr sein!

Unveröffentlichte Szene zum Buch Nachtwolf

Fassungslos starrte Carex seiner Schwester hinterher, wie sie weggezerrt wurde.
Erst, als sich die Gruppe um ihn herum auflöste und er als Einziger auf der Straße stand, konnte er sich wieder rühren. Panisch sprang sein Blick hin und her, dann zornig, als er sein Ziel fand. Mit weit ausholenden Schritten stapfte er dem hochgewachsenen Mann nach, der sich mit unsicherem Gang die hölzernen Hauswände entlang tastete. Noch musste Carex sich zurückhalten. Zu viele Leute waren in der Nähe. Nur die geballten Fäuste verrieten seine Anspannung.
Endlich bog Arnold – bei seinem wahren Namen genannt zu werden, stand ihm gerade nicht zu – in eine leere Gasse, und Carex verlor jede Beherrschung. Er preschte vor, packte den großen Nachtwolf am Kragen und presste ihn gegen eine Mauer.
»Du dreckiger, elender Feigling! Wie konntest du das tun? Du hast ein Mitglied deiner Familie in den Tod geschickt, du mieser Verräter!« Er merkte kaum, wie er ausholte.
Mühelos hielt der Stärkere die auf ihn zurasende Faust auf. »Beruhige dich, Alexander …«
»Ich soll mich beruhigen? Ist dir klar, was du getan hast?«
»Ich habe mein Leben gerettet! Was hätte ich sonst tun sollen? Diese Zeiten wird nicht jeder überstehen. Wir müssen differenzieren. Ich habe eine Familie zu versorgen, sie nicht. Das musst du verstehen, Bruder.«
»Wage es ja nicht, mich Bruder zu nennen!« Carex krallte sich in Arnolds Schultern. »Wie konnte diese Reise dich so verändern? Bist du so schwach, dass sie jegliche Liebe in dir verbrannt hat?«
Arnolds Blick verhärtete sich. Steif schossen seine Arme vor und stießen den Kleineren in den Dreck. »Du hast keine Ahnung von meinen Gefühlen!«, schrie er. »Glaubst du etwa, mir bereitet das Freude?«
»Was soll ich sonst denken?«, kreischte Carex im Aufrappeln und raste mit zu Krallen verkrampften Fingern auf Arnolds Kehle zu.
»Hört auf damit!«
Kräftige Arme packten Carex und hielten ihn zurück. »Oder wollt ihr die Aufmerksamkeit der Wachen auf euch ziehen?«, zischte ihm eine Frauenstimme ins Ohr. Der junge Nachtwolf wand sich, bis er losgelassen wurde und zur Seite taumelte.
Ida stellte sich zwischen ihn und Arnold.
Carex schnaufte, bemühte sich, seinen Zorn in den Griff zu bekommen. »Mehr hast du nicht zu sagen? Stellst dich blind auf die Seite deines feigen Partners?«
»Was hätte er denn tun sollen?«, keifte Ira zurück.
»Alles ist besser, als ein Rudelmitglied zu verraten«, spuckte Carex verächtlich aus.
»Dieser Kampf fordert nun mal Opfer. Warum sollte es dir besser ergehen als mir? Ich habe bereits eine Tochter verloren. Wie würdest du dich fühlen, wenn es eine von deinen gewesen wäre? Wie viele soll meine Familie noch verlieren?«
In Carex kochte eine zähe Suppe zahlloser Widerworte, von denen er kein einziges herausbrachte. Sein Blick wanderte von Idas giftigem Ausdruck hinter sie zu Arnold. Glitzerten da Tränen in seinen Augen?
»Und Vorwürfe retten deine Schwester auch nicht«, beendete Ida den Streit, packte ihren Gefährten und zog ihn mit sich davon.
Keuchend blieb Carex in der leeren Gasse zurück. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Eben noch hatten sie Arnold geholfen, Idas Fell zu retten. Nun waren beide wohlauf, während ihre Retterin im Kerker schmorte. Und niemand zeigte auch nur das geringste Bedauern, geschweige denn Dankbarkeit! Aber in einem musste er Ida Recht geben: So konnte er seine Schwester nicht befreien.
Doch was sollte er tun? Der Kerker … Konnte man ihn überhaupt auf anderem Weg außer Richtung Galgen verlassen?
Carex brauchte Hilfe … Wer nur? Seine Familie hatte genug mit sich selbst zu tun. Saxum? Carex konnte sich seine zuckenden Schultern lebhaft vorstellen.
Schlagartig kam ihm ein Gesicht in den Sinn: Erfahren, klug und der Gefangenen nahestehend. Carex fuhr herum und hastete zum Wirtshaus.

Cinis: Freundschaft kennt keine Grenzen

Unveröffentlichte Szene zum Buch Nachtwolf

Platsch! Schon wieder rutschte Cinis nach einem scharfen Haken ihrer Schwester aus und landete der Länge nach im Matsch.
»Du bist einfach zu lahm!«, lachte Ignis und hüpfte fröhlich von Pfütze zu Pfütze, bis auch sie den Halt verlor und sich im Schlamm wiederfand.
»Von wegen. Eher bist du zu eilig!«
»Das werden wir noch sehen. Lass uns so schnell wie möglich durch die Pfützen rennen. Wer dann am dreckigsten ist, wird zum Schlammmonster ernannt!« Ignis stürzte davon.
Frustriert sprang Cinis auf und hetzte hinterher. Es stimmte, dass ihre Schwester deutlich seltener hinfiel als sie. Aber vielleicht ließ sich das ändern. Cinis raste an Ignis vorbei, sprang im Bogen zurück und stoppte direkt vor ihr. Die erschrak so heftig, dass ihre Pfoten weg schlitterten und sie durch den Schlamm kugelte.
Spuckend und lachend kämpfte sie sich wieder raus. »Na warte!«, rief sie mit blitzenden Augen und sprang los.
Cinis nahm Reißaus und sprang über die Pfützen davon. Doch Ignis war schnell. Cinis rannte geradeaus weiter, direkt ins Dickicht, wo ihre Verfolgerin es schwierig haben würde. Sie sprang einen Hügel hinab, überzogen mit glitschigem Moos. Hinter sich hörte sie erst ein lautes Rascheln und dann ein Fluchen. Cinis nutzte das sofort. Ihre Pfoten flogen über die feuchte Erde, einen weiteren steilen Abhang hinab. Nein, sie würde ihr Tempo nicht drosseln. Sie konnte – sie verlor den Halt, purzelte den Hang hinunter und blieb liegen.
Mühsam blinzelte sie sich durch den Schwindel. Die Welt drehte sich. Im Zentrum ein Gesicht. Blattgrüne, schelmische Augen umrahmt von Fell in der Farbe von Laub oder Gesträuch oder Holz oder allem. Aufmerksame spitze Ohren, ein Schmunzeln um das Mäulchen. War ihr Sturz so heftig?
Allmählich hörte das Gesicht auf, sich zu drehen, und begutachtete den Welpen neugierig. »Du siehst aber dreckig aus.«
»Kann ja nicht jeder so gepflegt aussehen wie du«, gab Cinis zurück.
Das Gesicht legte den Kopf schief. »Bist du ein Nachtwolf? Ihr seht ja echt räudig aus.«
Das reichte! Empört wand sich Cinis im Laub, was sie sicher noch dämlicher aussehen lassen würde, bis sie sich endlich auf die Pfoten gedreht hatte. »Ich bin nicht räudig, ich hab nur gespielt, und außerdem …« Erstaunt hielt sie inne, als sie die schwarzen Flügel auf dem Rücken des Wildkatzenmädchens entdeckte. »Du bist ein Mischwesen!«
»Du musst es ja nicht gleich durch den ganzen Wald schreien. Ich darf eigentlich nicht hier sein.«
»Warum nicht?«
»Meine Familie verbietet es mir. Es sei zu gefährlich.«
Ein Ruf unterbrach sie: »Ignis, Cinis! Kommt, es wird Zeit.«
Cinis ließ die Ohren hängen. »Das ist meine Mama.«
»Du heißt Ignis?«
»Nein, das ist meine Schwester. Ich bin Cinis.«
»Ich bin Vesper. Weißt du was, du gefällst mir viel besser als mein Bruder. Ich hätte dich auch gerne als Schwester.«
»Und du bist viel freundlicher als die Mischwesen aus den Geschichten.«
Noch einmal ertönte Aristas Stimme.
»Tut mir leid, Vesper, ich muss gehen. Sonst suchen sie mich, und sie sollten dich nicht entdecken.«
»Da hast du verflixt noch mal recht.« Die Krähenkatze seufzte. »Aber wir sehen uns doch bestimmt wieder?«
Ein Heulen schallte durch den Wald.
»Ja, sicher. Ach nein, Mist, wir sind dann im Dorf. Aber keine Sorge, ich finde einen Weg. Ich muss jetzt wirklich weg. Bis bald, Vesper!« Cinis sprang den Hang hinauf, gerade noch rechtzeitig. Ihre Mutter und ihre Tante kamen ihr schon entgegen.
»Wo warst du? Antworte doch, wenn ich dich rufe«, schalte Arista sie.
»Tut mir leid, ich …« Was sollte sie antworten? Da war ein Mischwesen, aber ein ganz nettes? »Hier ist es so schön, ich möchte nicht in die öde Hütte.« Naja, das ging besser. Aber immerhin nahmen sie es ihr ab.
Wenig später war sie mit Ignis und ihrer Mutter unterwegs ins Dorf. Die Luft duftete frisch. Der feine Nieselregen wusch ihr schmutziges Fell und klopfte lustig auf die Blätter. Zarte Ringe bildeten sich in den Pfützen, begannen zaghaft und wurden größer und größer.
So wie das Kribbeln in Cinis’ Pfoten. Eine Welle fröhlicher Energie, so stark, als könne sie den Welpen überall hin tragen.
Immer wieder schielte Cinis verstohlen in die Sträucher, ob sie dort irgendwo ein keckes Katzengesicht entdecken konnte. Nichts. Aber das war egal. Sie wusste, dass Vesper dort war. Wusste, dass sie wartete. Sie wusste es einfach.

Arbor: Besinnt euch, Kameraden

Unveröffentlichtes Gedicht zum Buch Nachtwolf

Ist das denn euer Ernst?
Einjeder feiger als der Nächste?
Zeigt kein Bedenken, nichts,
Kein Zweifel, nicht die kleinste Geste?

Ihr seid viele, ihr habt Macht
Selbst ihn zu stürzen, euer Leid wär’ fort
Seht ihr nicht, was er euch antut? Seid ihr blind?
Erduldet eines euren Blutes Mord?

Ach Freund, dein trotz Härte trauervoller Blick
Inmitten all der trüben Augen
Sei stark, vollende, was begann
Und kämpf für das, woran wir glauben

Der letzte Atem für den letzten Ruf
Standhaft wie ein Baum

Besinnt euch, Kameraden! Es ist noch nicht zu spät

Lied der halben Wölfe

Unveröffentlichtes Gedicht zum Buch Nachtwolf

Wir träumten nur von Freiheit,
Zu leben, wie es uns gefällt
Wollten niemandem ein Leid,
Verlangten nichts von eurer Welt

Doch ihr hieltet es nicht für wahr,
Wähltet uns als Sündenbock
Für nicht die geringste Gefahr
Versetzt ihr uns den schlimmsten Schock

Nun erst trachten wir nach eurer Kehle!
Denn ihr seid schuld an sinnlosem Schmerz,
Der leeren Hälfte unserer Seele
Und dem Riss in unserem Herz

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